1 Jahr Sabbatical – Der holprige Start

Veröffentlicht am Kategorisiert als Sabbatical & Auszeit Keine Kommentare zu 1 Jahr Sabbatical – Der holprige Start

Den Beginn meiner einjährigen Auszeit hatte ich mir wirklich ganz anders vorgestellt: Ich sah mich an meinem letzten Arbeitstag mit einem Cocktail (mit Schirmchen natürlich) an einem sehr schönen, nicht zu heißen, sonnigen Frühlingstag in Wien, meiner Wahlheimat, mit mir selbst auf mein Jahr voller Möglichkeiten anstoßen.

So oder so ähnlich habe ich mir den Start in mein Sabbatical-Jahr vorgestellt: Mit einem kühlen Getränk in Wien

Realität vs. Erwartung

So hatte ich es mir zumindest ausgemalt. Diesen Moment gab es leider so nicht. Es war ein, gelinde gesagt, sehr holpriger und mühevoller Start in diese Auszeit. So hatte ich mir diesen historischen Moment der Freiheit ja so überhaupt nicht vorgestellt.

Es sind zwei Monate vergangen, seit mein Sabbatical offiziell begonnen hat und von einem Gefühl von Freiheit, Glückseligkeit und Unbeschwertheit war ich bisher weit entfernt.

Es war einfach verdammt viel los, im Außen und im Innen, und alles auf einmal. Für meinen Geschmack etwas zu viel Veränderung, vor allem so tiefgreifend und lebensverändernd. So komplett wollte ich mein Leben dann doch nicht umkrempeln, aber der Reihe nach:

Es muss sich etwas ändern

„Ich kann so nicht weitermachen“, dachte ich sehr oft im vergangenen Jahr. „Das ist doch kein Leben, was ich hier führe“. „Ich führe ein Leben, das nicht zu mir passt“ oder „Passe ich vielleicht einfach nicht in dieses Leben, was ich mir aufgebaut habe?“

Einmal gedacht sind solche Gedanken (leider oder zum Glück) nicht rückgängig zu machen. Sobald ich mir das eigene Unglück vor Augen geführt hatte, wurde mir mein Leidensdruck erst so richtig bewusst und die Quälerei durch den Alltag – bis zu einer Entscheidung oder einer Reihe an Entscheidungen – fing erst richtig an.

Der absolute Traumjob

Vor drei Jahren bin ich zum zweiten Mal von München nach Wien gezogen (das ist eine längere Geschichte, die ich gerne ein anderes Mal erzähle) und hatte nach genau zwei Bewerbungen ein Vorstellungsgespräch und schwupps, hatte ich auch schon einen neuen Job (als Projektmanagerin in der Elektromobilität) in der Tasche. Und zwar auch noch zu dem Zeitpunkt, zu dem ich beginnen wollte, nämlich erst zwei Monate später (auch damals habe ich eine Auszeit genommen). So konnte ich meine damalige Auszeit noch so richtig entspannt genießen.

Das Arbeitsklima war sehr schön, ich wurde von Beginn an sehr offen aufgenommen (was sicherlich teilweise auch an meiner Art liegt). Meine Lernkurve war unglaublich steil, mein damaliger Teamleiter nahm sich geduldig Zeit, um mir die neue und durchaus komplexe Branche zu erklären, das Unternehmen, die Kunden, mir wurde richtig viel Zeit gegeben für die Einarbeitungsphase.

Meine Fragen wurden immer bereitwillig von allen Kolleginnen und Kollegen beantwortet. Überall traf ich auf wirklich gute und fähige Mitarbeiter:innen. Ich hatte zu jeweils beiden Teamleitern, also meinen direkten Vorgesetzten, die ich in den 2,5 Jahren Firmenzugehörigkeit erleben durfte, ein sehr gutes, schon freundschaftliches Verhältnis, fühlte mich auf Augenhöhe gesehen und als wertvolles Teammitglied geschätzt. Und beide auch noch kompetent! Wo gibt es denn so etwas?

Ich bin sehr gerne ins Büro gegangen (um die Kolleg:innen zu sehen), durfte aber auch ganz eigenverantwortlich Home-Office machen. Das Büro war von mir aus in maximal 20 Minuten zu erreichen; nicht selten wechselte ich in der Mittagspause vom Home Office ins Büro. So viel Flexibilität! Und auch von München aus (meiner Geburtsstadt) konnte ich bequem vom Home Office aus arbeiten (zwar inoffiziell, aber das ging ohne Probleme).

Ich hatte wirklich oftmals während oder nach der Arbeit eine gute Zeit mit Kolleg:innen. Irgendwer war immer für ein Feierabendbierchen zu haben oder es gab einen selbst organisierten Cocktailabend einer Abteilung, oder, oder, oder. Ich durfte tolle, sehr unterschiedliche Menschen kennenlernen und habe mit einigen auch tiefe Freundschaften geschlossen.

Es war ein sehr junges Umfeld, eine neue Branche mit Sinn und Perspektive (wie es immer so schön heißt), in der ich Fuß gefasst hatte. Der absolute Jackpot! Ja direkt zum neidisch werden. Gutes Gehalt, kompetente Führungskräfte, ein moderner Arbeitgeber, ein offenes Arbeitsumfeld, spannende Kundenprojekte, geniale Firmenfeiern… Was wollte ich denn mehr? Sollte ich nicht unglaublich zufrieden sein? Das Leben genießen?

Mir ging es aber nicht gut, so überhaupt nicht gut. Tief drinnen empfand ich eine Leere, schwankte zwischen Stress- und Erschöpfungsphasen, es gab kein Dazwischen (mehr). Keine (Arbeits-)woche verging, in der ich keine Schlafprobleme hatte. Nach immer kürzerer Zeit fühlte ich mich schon wieder urlaubsreif, es wollte sich einfach nicht mehr die gewohnte Wochenroutine einstellen. Oder um es anders auszudrücken: Ich fand nicht mehr in meine Arbeitsroutine und meine Motivation wollte sich schon gar nicht mehr finden lassen.

Alles auf Anfang

Ich hörte im Mai diesen Jahres meinen gut bezahlten Job als Projektmanagerin in der Elektromobilitätsbranche auf, hängte damit alles an den Nagel, was ich kannte, vermeintlich konnte, und mir als Identität diente, mir Zugehörigkeit und natürlich und vor allem auch Sicherheit gab.

Die Chance: Ein Jahr bezahlte Auszeit

Ich fasse es selbst auch noch nicht richtig, ich bin tatsächlich noch in die sog. Bildungskarenz „gerutscht“, bevor diese zum 1. Juni 2025 vorerst abgeschafft wurde. Das heißt, dass man bis zu ein Jahr sein bestehendes Arbeitsverhältnis pausiert (karenziert), um einer Fort-, Weiter- oder Ausbildung in einem bestimmten Wochenstundenausmaß nachzugehen und erhält dafür das Weiterbildungsgeld, was der Höhe des Arbeitslosengeldes entspricht.

Diese einjährige, bezahlte Auszeit werde ich nutzen, um den ersten Abschnitt der Psychotherapie-Ausbildung in Österreich zu absolvieren. Und das als komplette Quereinsteigerin. Wieder Lernen. Wieder Prüfungen haben. Sich wieder für unbezahlte Praktika bewerben und mich nur darauf berufen zu können, dass ich Abitur habe. Ohne Vorerfahrungen im psychologischen oder sozialen Bereich. Einfach nur meine Überzeugung, dass es der richtige Weg für mich ist.

Den Boden unter den Füßen verloren

Abschied nehmen fällt mir sowieso schon schwer und der von meinem Arbeitsumfeld, von einem großen Teil meiner bisherigen Identität, war so viel größer als jeder Abschied davor. Es sollte nicht dabei bleiben. Ich musste noch von so viel mehr Abschied nehmen und so vieles mehr Loslassen; nämlich von fast meinem kompletten Hausstand, von meinem Zuhause.

Eines meiner Lieblingsmöbelstücke, von denen ich mich beim Umzug in die WG getrennt habe.

Es traf mich vollkommen unerwartet, hat mich eiskalt erwischt, mir den sprichwörtlichen Boden unter den Füßen weggezogen. Mein Mietvertrag wurde nach drei Jahren nicht verlängert, ich musste aus meiner Wohnung ausziehen. Innerhalb von drei Monaten.

Gerade hatte ich mich einigermaßen wieder berappelt, fühlte mich langsam gewappnet, mich dem Abschied von der Firma, meinem Job und dem Beginn meines komplett neuen Lebensabschnitts zu stellen und dann das: mein Safe Space wurde mir genommen. Meine Basis, mein Rückzugsort, der Ort, wo ich wieder Kräfte sammeln konnte – einfach futsch.

Die Zwei-Zimmer-Altbau-Wohnung hatte zwar so ihre Eigenheiten, aber sie war wirklich unglaublich kostengünstig, vor allem für die Größe, lag sehr zentral (Nähe Naschmarkt) und die Gegend hatte auch alles, was ich mir nur wünschen konnte (Lokale, Bars, Cafés, Bäckereien, Supermärkte, Drogerien, eine Postfiliale, eine Änderungsschneiderei, meinen Friseur, direkte U-Bahnanbindung, Geldautomat…). Aber das wichtigste war: Es war mein ganz eigenes, persönliches Reich. Heimkommen, die Tür hinter mir zu machen und die Welt draußen lassen. Jedes Mal dieser Moment des Heimkommens, was für eine Erleichterung!

Back to the roots

Es musste eine schnelle Lösung her und sei sie auch noch so vorübergehend. Ich bin also in die WG eines entfernten Bekannten gezogen, habe die letzten sechs Wochen gefühlt nichts anderes gemacht als organisiert, Pläne geschmiedet, wieder verworfen und meinen Hausstand von gut 50 qm auf etwa 12qm reduziert. Ich habe so gut wie alles, was mir etwas bedeutet hat, verkauft und versuche mich nun wieder – nach etwa 6 Jahren des Alleinwohnens – wieder an einen Mitbewohner zu gewöhnen.

Plötzlich sehe ich mich mit Mitte 30 zurückversetzt in mein Leben als Studentin: Leben mit einem schmalen Budget in einem kleinen WG-Zimmer, Diskussionen über Haushaltsführung und den Putzplan, Essen von Nudeln mit Tomatensoße, Bewerbungen auf unbezahlte Praktika schreiben, Plätze für Seminare ergattern…

Wie konnte das innerhalb von zwei Monaten passieren? Mein bisheriges Leben ist komplett auf den Kopf gestellt.

Das muss ich erst einmal sacken lassen und verarbeiten. Den gröbsten Teil der organisatorischen Dinge rund um meinen Umzug und die Ausbildung habe ich erledigt. Ich gönne mir jetzt zwei Wochen wirklich Urlaub.

Morgen geht es also in die Berge, wo ich eine Ferienwohnung nutzen darf, und kann hoffentlich endlich das Gefühl von Auszeit aufkommen lassen und auskosten – so richtig die Seele baumeln lassen, wie es so schön heißt. Ich mag diesen Ausdruck sehr.

Dieser Ausblick erwartet mich in den Bergen. Urlaub im Sabbatical.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert