1 Jahr Sabbatical – Entschleunigung bei Dauerregen

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Auszeit: Bank mit Aussicht auf Berge

Nach einer Woche mit Dauerregen in den Allgäuer Alpen, wo ich nun meinen Urlaub innerhalb meiner einjährigen Auszeit verbringen darf, spüre ich mich langsam wieder selbst. Wieso das anhaltende Regenwetter dabei eine zentrale Rolle spielt, beschreibe ich in diesem Artikel.

Urlaub in der Auszeit

Ich merke, wie viel los war, wie viel ich gestemmt habe in den letzten Wochen, aber ich keinen Augenblick hatte (oder mir genommen habe), um diese gravierenden Veränderungen in meinem Leben (neuer beruflicher Werdegang, Auflösen fast meines gesamten Hausstands, Einziehen in eine 2er-WG, Kündigen meines gut bezahlten Jobs, Beenden meiner bisherigen „Karriere“, neue Ausbildung, neues Praktikum, schwere depressive Episoden usw.) zu verarbeiten. Oder auch nur einen Blick zurück zu werfen, meine bisher geschafften Meilensteine zu würdigen.

Durch die letzten Wochen vor meiner Abreise und rund um meinen Umzug habe mich selbst durchgepeitscht (hauptsächlich mit Alkohol), an Innehalten war nicht zu denken. Ich musste funktionieren und hätte ich nur eine Minute über alles nachgedacht, wäre ich vermutlich zusammengebrochen.

Im Überlebens- und Funktionsmodus

Dessen war ich mir zwar vollkommen bewusst, ich spürte mich überhaupt nicht mehr, aß ungesund und unregelmäßig, trank viel zu viel Alkohol, rauchte (für meine Verhältnisse) wie ein Schlot, machte gar keinen Sport mehr, nicht einmal für eine kurze Yoga-Einheit nahm ich mir Zeit. Das wäre sowieso nur ein Tropfen auf dem heißen Stein und brächte mir mein Wohlgefühl auch nicht zurück, sagte ich zu mir selbst.

Immer wieder erstaunlich, was der Körper so alles aushält und auch, was ich ihm antue, wenn ich in diesen Funktionsmodus abgleite. Immerhin ist es mir mittlerweile bewusst, ich habe also wenigstens mein Morgenritual beibehalten, mir auch mal kleinere Pausen gegönnt und war immer wieder erstaunt, dass auch diese wirklich wieder etwas Energie bringen.

Ich sah keine Möglichkeit, einen ganzen Regenerationstag einzulegen. Es gab einfach zu viel noch zu erledigen vor meiner sechswöchigen Abwesenheit und rund um einen Umzug, zu viele Termine noch wahrzunehmen. Doch ich rief mir auch ins Gedächtnis, dass ich bald die Zeit und die Möglichkeit haben werde, mich körperlich und geistig zu erholen. Auf diese Fähigkeit und meine Intuition dabei kann ich mich verlassen.

Am besten gelingt mir das, und zwar fast wie von selbst, wenn ich im Ferienhäuschen meines Vaters, am Rande eines Bergdorfs, in den Allgäuer Alpen bin. Und dort sitze ich nun. Auf etwa 900 Höhenmetern. Schaue und höre beim Schreiben dem Regen im Garten zu. Es ist endlich ruhig.

Der größte anzunehmende Glücksfall – 7 Tage Regenwetter

Endlich Ruhe im Außen

Keine Nachbarn oder Mitbewohner:innen, die ich reden oder duschen oder kochen oder pfeifen höre, kein Rasenmähen, keine Motorsäge, selbst die tickende Wanduhr im Wohnzimmer habe ich abgehängt. Endlich Ruhe. Ruhe, nach der ich seit 1,5 Jahren auf der Suche gewesen bin und sie einfach nicht finden konnte.

Das Regenwetter macht es mir gerade so herrlich einfach, meinen Tagesablauf zu gestalten – einfach aufgrund des Mangels an Möglichkeiten. Ohne FOMO (=Fear of Missing Out), ohne den Stress und Druck, das schöne Wetter „auszunutzen“, Wanderungen zu unternehmen, Baden zu fahren, Ausflüge zu machen, Verwandte zu besuchen und dabei über meine Pläne für meinen Urlaub hier ausgefragt zu werden (nämlich gar keine).

Es gibt einfach nicht viele Möglichkeiten hier auf dem Land – ohne Auto und bei Dauerregen.

Ich genieße die täglichen Spaziergänge. Dank Regenwetter bin ich dabei oftmals ganz allein und treffe nur Dachs, Hase & Co.

Bei schönstem Sommerwetter hätte ich meine erste Urlaubswoche schlicht und einfach nicht anders gestalten wollen, es wäre mir nur sehr schwer gefallen. Aus Erfahrung weiß ich, dass ich mittlerweile etwa fünf Tage brauche, um wirklich tiefer zu entspannen und intensive Stressphasen hinter mir zu lassen. Das sollten aber dann auch wirklich fünf Tage ohne Menschenkontakt, also mit nur der notwendigsten zwischenmenschlichen Kommunikation, ohne Termine oder sonstigen Verpflichtungen sein.

Die verregnete Woche hat es mir extrem erleichtert, mich voll und ganz auf mein Innenleben zu fokussieren und letztendlich mich auch endlich dem Schreiben zu widmen. Notwendige Tätigkeiten und Grundbedürfnisse wie Einkaufen gehen, Essen, Duschen, Schlafen und Bewegung an der frischen Luft sind willkommene Gelegenheiten für Pausen und fügen sich ganz natürlich in meinen Tag ein.

Herbstgefühl im Hochsommer

Selbst Fernsehen (ich finde lineares Fernsehen bringt durch weniger Entscheidungsspielraum willkommene Einfachheit mit sich) oder Streamen ist so viel angenehmer, wenn draußen nicht strahlender Sonnenschein herrscht. Wenn ich nicht die Vorhänge am helllichten Tag zuziehen muss, damit es nicht spiegelt. Nicht alle Fenster und Türen bei schönstem Sommerwetter geschlossen halten „muss“, damit mich kein Geräusch stört oder meine Nachbarn (Tante und Onkel) nicht doch mal kurz auf ein Pläuschchen vorbeischauen. Als (aktueller) Stadtmensch bin ich das natürlich nicht gewohnt, immer ansprechbar zu sein.

Es ist so kühl hier im Haus geworden, dass ich tatsächlich die Heizung angemacht habe und für die wirklich absolute Gemütlichkeit ein Feuer im Kaminofen gemacht habe – Ende Juli, im Hochsommer!

Herbstspaziergang im Hochsommer – Ich genieße die Spaziergänge bei Regen.

Ich liebe es! Für mich ist das anhaltende „schlechte“ Wetter, mit Dauerregen und kühlen Temperaturen, der absolute Glücksfall. Besser hätte ich es mir nicht wünschen können.

Raus aus der Reizüberflutung des Stadtlebens

Zuhause in der Stadt (in Wien oder München) verlasse ich das Haus fast nur noch mit Ohrstöpseln, um die Geräuschkulisse wenigstens zu dämpfen – sei es das Verkehrsrauschen, Musik im Supermarkt, plappernde Kinder, Sirenen von Polizei- oder Rettungsfahrzeugen, fremde Handygespräche (vor allem über Lautsprecher, ganz grauenhaft), Babygeschrei, oder am schlimmsten für mich: schrill piepende U-Bahntüren. (Wieso müssen diese so laut und schrill piepen, wenn sie sich schließen?). An Musik hören, um die Geräusche zu übertönen, ist nicht zu denken.

Nach fünf Tagen bin ich (immer) noch sehr lärmempfindlich, die laufende Geschirrspülmaschine stört mich, ich schließe die Tür zur Küche. Musik hören geht auch noch nicht. Gerade nieselt es nur, aber hie und da öffnet der Himmel seine Pforten und es schüttet aus Eimern, das Wasser schießt nur so durch die Regenrinnen, aus dem Bach neben dem Haus ist fast schon ein reißender Strom geworden. Ich vernehme das Rauschen gedämpft, allerdings empfinde ich es nicht als ein störendes Geräusch.

Ich bin dann mal weg

Seit fünf Tagen habe ich (fast) kein Wort gesprochen, obwohl meine Tante und mein Onkel gleich nebenan wohnen. Denn dank des Regenwetters treffen wir uns selten zufällig draußen. Auch per Handy habe ich kaum nach außen kommuniziert, bei den wichtigsten Menschen in meinem Umfeld bin ich abgemeldet. Ich muss gar nichts. Ich muss niemandem antworten, alles kann warten bis ich wieder bereit für die Welt da draußen bin.

E-Mail- und sonstige Benachrichtigungen auf meinem Smartphone sind abgestellt. Außer WhatsApp und Signal, das war bisher tatsächlich nicht notwendig – so gut kann ich mittlerweile Nachrichten, die nicht zeitkritisch sind, lesen und wieder wegwischen. Ich werde irgendwann antworten – wenn mir danach ist.

Keine Termine und auch keinen sitzen

Für ganze zwei Wochen habe ich keine Termine eingetragen. Mein Terminkalender ist einfach leer. In meiner Ausbildung stehen keine Seminare an, für die Selbstlernkurse habe ich eine Pause vermerken lassen. Bei meiner neuen Praktikumsstelle ist mein Urlaub eingetragen, die Signalgruppen dazu habe ich stumm geschaltet. Ich muss wirklich nichts tun, mich um nichts und niemanden kümmern – außer einfach endlich wieder um mich.

Ich habe das Rauchen aufgehört und auch beschlossen, mindestens fünf Wochen keinen Alkohol zu trinken. Ich brauche dessen Wirkung nicht mehr. Im Gegenteil, das wäre aktuell absolut hinderlich. Ich möchte bei klarem Verstand bleiben, mir und meinem Körper nicht schaden.

Endlich allein – nur mit mir

Die Ruhe im Außen kommt langsam im Innen an. Ganz langsam. Ich beginne mich wieder zu spüren und herunterzufahren. Mein Nervensystem ist nicht in Dauer-Habacht-Stellung. Es gibt nichts, was ich tun muss – außer sein. Einfach alle Gedanken und Emotionen der vergangenen Wochen und Monate hochkommen und auch wieder ziehen lassen. Die Seele baumeln lassen, wie es so schön heißt.

Endlich kann ich die Veränderungen und diese intensive Zeit des bisherigen Jahres verarbeiten. Ich schlafe lange, meistens auch durch, und träume sehr intensiv. Mit einem Unterschied von etwa einer Viertelstunde schlafe ich nachts zur selben Zeit ein und wache morgens täglich auch wieder zur selben Zeit auf. Nichts, was meinen heiligen Schlaf stört. Endlich kann ich wieder gut schlafen. Mittlerweile ist dies selbst für mich, die immer gut schlafen konnte, ein wertvolles Gut geworden.

Leben nach meinem Rhythmus – ohne Kompromisse

Nach einer Woche in der Abgeschiedenheit am Rand eines Bergdorfs und dem Allein sein stellt sich – fast wie von selbst – mein individueller Tagesrhythmus ein. Mein Tag folgt hier einem für mich natürlichen und routinierten Ablauf – ganz im Einklang mit mir und meinen Bedürfnissen.

Ein Zustand, der mir letztes Jahr in meinem einmonatigen Sabbatical – auch genau hier, im Ferienhäuschen meines Vaters – leider nicht vergönnt war.

In dieser Ruhe wollte ich vor einem Jahr in einer fünfwöchigen Auszeit in mich gehen und herausfinden, wie es in meinem Leben weitergehen soll, wie ich es gestalten soll. Was mir eigentlich fehlt. Doch diese Ruhe wie jetzt blieb mir leider verwehrt und ich hab den Aufenthalt hier in den Bergen früher als geplant abbrechen müssen.

Die Sehnsucht und das Bedürfnis nach genau diesem Zustand, in dem ich jetzt – dank des anhaltenden Herbstwetters – bin, war so immens, dass ich es nicht einmal in Worte fassen kann. Wenn ich Filme geschaut oder Bücher gelesen habe, auf Social Media Beiträge entdeckt habe, die vom Alleinsein, Ruhe und Abgeschiedenheit zeugten, kamen mir manchmal fast die Tränen. So stark war diese Sehnsucht. Seit eineinhalb Jahren sehne ich mich und suche ich nach anhaltender Stille.

Raum zur Selbstentfaltung

Mittlerweile habe ich meinem Leben eine neue Richtung gegeben, auch ohne Sabbatical, mitten im Arbeitsalltag. Doch nur eine grobe Richtung, mit viel Raum für meine Selbstentfaltung und das (Wieder-)Entdecken von mir selbst. Ich bin gespannt, was ich noch alles in mir und an mir entdecken, wo es mich hinverschlägt, wen ich kennenlernen und was ich erleben darf, in diesen kommenden neun Monaten, die noch vor mir liegen.

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